Verständnis und Liebe

Einfühlvermögen in der Liebesbeziehung mit Bindung

Verständnis und Liebe – einander wirklich verstehen klingt selbstverständlich und gelingt trotzdem selten. Warum ein gut gemeinter Satz über das Unglücklichmachen des Partners in die Irre führt, weshalb niemand die Gefühle eines anderen Menschen verantworten kann und was Verständnis vom Einverstandensein trennt.

5 Sterne Qualität: Kompetent – Nah – Menschlich

Seiteninhaltsverzeichnis: Verständnis in der Partnerschaft: den Partner verstehen

  1. Was Verständnis in einer Partnerschaft wirklich meint
  2. Warum eine Beziehung ohne Verständnis nicht trägt
  3. Bin ich für die Gefühle meines Partners verantwortlich?
  4. Zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was ankommt
  5. Verstehen heißt nicht, einverstanden zu sein
  6. Wie Verständnis in einer Partnerschaft entsteht
  7. Verstehen und Nachvollziehen sind zweierlei
  8. Häufige Fragen zum Verständnis in der Partnerschaft
  9. Jetzt Unterstützung holen

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Was Verständnis in einer Partnerschaft wirklich meint

Benötigt man in einer Beziehung Verständnis füreinander? Vermutlich hören Sie sofort ein lautes JA in Ihrem Kopf. Doch was steckt eigentlich hinter diesem großen Begriff?

Der Definition nach ist Verständnis die Fähigkeit, sich in jemanden oder in etwas hineinzuversetzen, den anderen zu verstehen und Einfühlungsvermögen zu zeigen. Das klingt zunächst nach einer Eigenschaft, die man entweder besitzt oder eben nicht. In der Beratung erleben wir etwas anderes: Verständnis ist weniger eine Begabung als eine Bewegung, die zwei Menschen miteinander vollziehen.

Diese Bewegung hat eine Richtung, die häufig übersehen wird. Sie führt nicht dorthin, wo einer dem anderen endlich recht gibt. Ihr Ziel liegt dort, wo einer nachvollziehen kann, warum der andere so empfindet, wie er empfindet – auch wenn er selbst ganz anders empfände.

Warum eine Beziehung ohne Verständnis nicht trägt

Eine Liebesbeziehung mit Bindung ist untrennbar mit dem Verständnis für einen anderen Menschen verbunden. Eine Partnerschaft ohne gegenseitiges Verständnis kann auf Dauer nicht existieren.

Vorausgesetzt ist dabei die Fähigkeit, in den anderen hineinzufühlen: seinen Schmerz zu erkennen, seine Freude zu teilen und zu bemerken, wenn er leidet. Fehlt diese Fähigkeit, leben zwei Menschen nur noch nebeneinanderher. Sie teilen Wohnung, Alltag und Kalender, aber sie erreichen einander nicht mehr.

Genau an dieser Stelle taucht in Beratungen oft ein Satz auf, der es gut meint und trotzdem in die Irre führt: „Wenn Sie nicht erkennen, was Ihren Partner oder Ihre Partnerin unglücklich macht, dann machen Sie ihn oder sie noch unglücklicher.“

Bin ich für die Gefühle meines Partners verantwortlich?

Diese Aussage stelle ich grundsätzlich infrage – aus zwei Gründen.

  1. Ich bin nicht für die Gefühle anderer Menschen verantwortlich. Jeder Mensch interpretiert das, was er sieht und hört, entlang seines eigenen inneren Bewusstseins. Für die Gefühle meines Gegenübers kann ich schon deshalb nicht zuständig sein, weil allein der Empfänger die Wertigkeit einer Botschaft bestimmt.
  2. Ich kann nicht immer erkennen, wie es dem anderen geht. Wer ein guter Schauspieler ist, sich bewusst anders verhält oder sogenannte Double-Bindings sendet, bleibt für mich unlesbar. Daran ändert auch ein noch so hoher EQ nichts, also ein hoher emotionaler Quotient.

Diese Unterscheidung entlastet mehr, als sie zunächst vermuten lässt. Wer sich für die Gefühle des Partners zuständig fühlt, gerät unter einen Druck, dem niemand standhält. Jede Verstimmung wird dann zum eigenen Versagen, jedes Schweigen zum Vorwurf. Fällt diese Zuständigkeit weg, entsteht Raum für etwas Wirksameres: für Neugier auf das, was beim anderen tatsächlich angekommen ist.

Zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was ankommt

Ich frage in den Beratungen den Empfänger einer Botschaft oft, welches Gefühl und welche Bilder bei ihm ausgelöst wurden. Anschließend erkunden wir gemeinsam, was er von dem gehört hat, was gesagt worden ist. Häufig liegen beide Fassungen erstaunlich weit auseinander.

Schon allein dadurch, dass es diesen Unterschied gibt zwischen dem Gesagten und dem Gehörten, kann ich niemals für die Gefühle des Empfängers zuständig sein und dafür Verantwortung tragen. Was ich hingegen tun kann: nachfragen, statt zu vermuten. Wie wir dabei konkret vorgehen, lesen Sie unter Wie arbeiten wir.

Diese Lücke zwischen Senden und Empfangen ist kein Betriebsunfall der Kommunikation, sondern ihre Normalform. Paare, die das akzeptieren, streiten seltener darüber, wer etwas „wirklich“ gesagt hat. Weitere Beiträge dazu finden Sie im Bereich Kommunikation in der Partnerschaft.

Verstehen heißt nicht, einverstanden zu sein.

Verständnis in einer Partnerschaft bedeutet zu verstehen, warum der andere so ist, wie er eben ist. Das heißt jedoch nicht, dass daraus ein Freifahrtschein für jedes Handeln entsteht.

Diese Unterscheidung wird oft übersprungen, und dann wird sie gefährlich. Wer glaubt, Verstehen verpflichte automatisch zum Hinnehmen, wird Verständnis irgendwann verweigern – aus Selbstschutz. Umgekehrt gilt: Ich kann nachvollziehen, weshalb mein Gegenüber gereizt reagiert, und ihm dennoch sagen, dass mich sein Ton verletzt.

Beides zugleich zu halten ist die eigentliche Leistung. Verständnis für die Beweggründe, Klarheit bei den eigenen Grenzen. Wo nur eines von beidem vorhanden ist, entsteht entweder Kälte oder Selbstaufgabe. Das Verhältnis von Nähe und Abgrenzung vertieft der Bereich Nähe und Distanz.

Wie Verständnis in einer Partnerschaft entsteht

Jeder Partner steht in der Verantwortung, die eigenen Gefühle mitzuteilen. Löst die Handlung des anderen in Ihnen Wut, Eifersucht, Trauer oder Schmerz aus, dann sollte das ausgesprochen werden.

Andernfalls entstehen Missverständnisse, weil Ihr Gegenüber wiederum nicht versteht, weshalb Sie ausgerechnet in dieser Situation in Tränen ausbrechen oder wütend werden. Es kommt zu vorschnellen Urteilen und Bewertungen – und die sind der zuverlässigste Weg, Verständnis zu verhindern.

Urteilsfreiheit ist damit eine weitere wesentliche Voraussetzung glücklicher Partnerschaften: das, was da ist, urteilsfrei anzunehmen. Und das wiederum gelingt nur mit Liebe. Liebe ohne Verständnis kann nicht existieren, Verständnis kann nicht ohne Liebe entstehen. Beides bedingt sich gegenseitig.

Drei Fragen zum Innehalten

Kein Test und keine Auswertung – nur drei Fragen, denen Sie in einer ruhigen Minute nachgehen mögen:

  • Wann habe ich meinem Partner zuletzt gesagt, was ein bestimmtes Verhalten in mir auslöst?
  • Woran merke ich, dass ich gerade bewerte statt nachzufragen?
  • Was von dem, was ich am anderen nicht verstehe, habe ich ihn noch nie gefragt?

Verstehen und Nachvollziehen sind zweierlei

Verständnis bedeutet zum einen das simple Verstehen, zum anderen aber auch das gefühlsmäßige Nachvollziehen. Beides fällt keineswegs zusammen.

Vor Jahren wurde der Ratgeber von Deborah Tannen mit dem Titel „Du kannst mich einfach nicht verstehen“ zum Bestseller. Der Erfolg dieses Buches zeigt, wie viele Menschen unter dem Unverständnis ihres Partners leiden. Sie wünschen sich, dass er ihnen nachfühlen kann – und zugleich so reagiert, wie sie es sich vorstellen.

Untersuchungen zur Paarkommunikation beschreiben seit Langem zwei sehr verschiedene Gesprächsziele. Manche Menschen möchten kurz und klar informiert werden, ohne Umschweife. Andere schildern ausführlich ihr Erleben, nutzen lange Sätze und eine Fülle von Zusammenhängen. Der eine hört ein Problem und sucht sofort nach einer Lösung, während der andere zunächst schlicht etwas loswerden möchte.

Wir ordnen diese Muster ausdrücklich nicht Geschlechtern zu. In der Beratung begegnen uns beide Stile bei Frauen wie bei Männern, und häufig wechseln sie je nach Thema. Entscheidend ist etwas anderes: Solange zwei Menschen ihr jeweiliges Gesprächsziel für das einzig vernünftige halten, erlebt jeder den anderen als verständnislos. Sobald sie es benennen können, verliert der Unterschied seine Schärfe. Was Sie von einer Begleitung erwarten dürfen, beschreiben wir unter Was Sie erwarten können.

Häufige Fragen zu Verständnis in der Partnerschaft

Was bedeutet Verständnis in einer Partnerschaft?

Verständnis meint die Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen und nachzuvollziehen, warum er so empfindet, wie er empfindet. Es umfasst zwei Ebenen: das sachliche Verstehen und das gefühlsmäßige Nachvollziehen. Beide fallen nicht automatisch zusammen. Ohne dieses Hineinfühlen leben zwei Menschen auf Dauer nur nebeneinanderher.

Trage ich die Verantwortung dafür, wie sich mein Partner fühlt?

Nein. Allein der Empfänger bestimmt die Wertigkeit einer Botschaft, weil jeder Mensch das Gehörte entlang seines eigenen inneren Bewusstseins deutet. Hinzu kommt, dass sich niemand zuverlässig lesen lässt, der sich bewusst anders verhält. Verantwortlich sind Sie für das, was Sie senden – und dafür, nachzufragen, was angekommen ist.

Verständnis für den Partner – heißt das, alles hinzunehmen?

Nein, und diese Verwechslung richtet viel Schaden an. Zu verstehen, warum jemand so ist, wie er ist, stellt keinen Freifahrtschein für jedes Handeln dar. Sie dürfen die Beweggründe nachvollziehen und gleichzeitig deutlich sagen, wo Ihre Grenze verläuft. Fehlt eines von beidem, entsteht Kälte oder Selbstaufgabe.

Warum verstehen wir uns trotz guter Absicht immer wieder falsch?

Zwischen dem Gesagten und dem Gehörten liegt regelmäßig eine Lücke – das ist der Normalfall der Kommunikation, kein Betriebsunfall. Dazu kommen unterschiedliche Gesprächsziele: Der eine sucht eine Lösung, der andere möchte zunächst etwas loswerden. Werden diese Ziele nicht benannt, erlebt jeder den anderen als verständnislos.

Wann ist eine Paarberatung sinnvoll, wenn Verständnis fehlt?

Sinnvoll wird sie, wenn Gespräche regelmäßig an derselben Stelle kippen und gute Vorsätze nicht mehr tragen. In der systemischen Paarberatung suchen wir weder nach Schuld noch nach dem Recht einer Seite, sondern nach dem Zusammenspiel. Dass sich dabei schon nach wenigen Sitzungen etwas bewegen kann, beschreiben wir unter Schnelle gute Ergebnisse.

Jetzt Unterstützung holen

Wenn Sie sich in Ihrer Partnerschaft nicht mehr verstanden fühlen oder Gespräche immer wieder an derselben Stelle scheitern, begleiten wir Sie dabei, einander neu zugänglich zu werden – ohne Bewertung und ohne Schuldfrage.

Wir, Bernd und Doris Nickel, sind beide zertifizierte systemische Paartherapeuten der Heidelberger Schule (SI-HD, PD Dr. med. Arnold Retzer) und VFP-Mitglieder. Bernd Nickel ist zusätzlich Zertifikatsinhaber der systemischen Sexualtherapie (Prof. Clement, IGST-HD) und DGSF-Mitglied. Über 8.000 gemeinsame Beratungen in zwei Jahrzehnten sind die Grundlage unserer Arbeit. Unsere Tätigkeit ist Beratung und Begleitung – keine Heilkunde und keine Wohlfahrtspflege.

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