Begehren und Leidenschaft – in Langzeitbeziehungen

Fachpraxis für systemische Paarberatung und systemische Sexualberatung

Begehren und Leidenschaft – in Langzeitbeziehungen verändern sie sich – und das ist womöglich kein Verlust, sondern ihr Wesen. Warum stabile Partnerschaften ihre Ruhe manchmal mit erotischer Spannung bezahlen, weshalb Unlust klüger sein kann als gedacht und wie sich der Blick von der Frage „Wie oft?“ zur Frage „Worunter leiden wir?“ verschiebt.

Seiteninhaltsverzeichnis: Begehren und Leidenschaft in einer Langzeitbeziehung5 Sterne Qualität: Kompetent – Nah – Menschlich

  1. Ein Tabubruch zu Beginn: Schützt sich Stabilität vor Leidenschaft?
  2. Warum wir von einer einzigen Beziehung alles erwarten
  3. Liebe verändert sich – warum sollte die Sexualität eine Ausnahme sein?
  4. Was sich nicht versprechen lässt: Begehren ist kein Willensakt
  5. Kein Sexproblem, sondern ein Erwartungsproblem
  6. Welche Steine legen wir unserer Sexualität selbst in den Weg?
  7. Wenn Unlust klüger ist, als wir glauben
  8. Häufige Fragen zu Begehren und Leidenschaft
  9. Jetzt Unterstützung holen

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Ein Tabubruch zu Beginn: Schützt sich Stabilität vor Leidenschaft?

Beginnen wir mit einem kleinen Tabubruch. Womöglich bestehen viele glückliche und stabile Liebesbeziehungen gerade deshalb, weil sie sich vor allzu viel Leidenschaft schützen.

Das klingt zunächst wie ein Widerspruch. Schließlich wird uns seit Jahrzehnten etwas vollkommen anderes versprochen. Eine gute Liebesbeziehung soll möglichst alles gleichzeitig sein. Sie soll uns auch nach dreißig gemeinsamen Jahren noch dieselbe Leidenschaft schenken wie am Anfang. Sicherheit soll sie geben, ohne langweilig zu werden, und Freiheit ermöglichen, ohne Verlustängste zu wecken. Aufregend soll sie bleiben, ohne zu verunsichern. Und selbstverständlich soll sie ein Leben lang sexuell erfüllen.

Möglicherweise erwarten wir heute mehr von einer einzigen Liebesbeziehung als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Aber warum eigentlich? Wer hat uns erzählt, dass all dies zusammengehört? Und wer entschied, dass eine glückliche Beziehung notwendigerweise auch eine leidenschaftliche sein muss? Weshalb empfinden wir den Rückgang sexuellen Verlangens so häufig als Scheitern der Liebe?

Vielleicht stellen wir schlicht die falschen Fragen. Statt zu fragen, warum Leidenschaft verschwindet, könnten wir fragen, warum wir glauben, sie müsse für immer bleiben.

Warum wir von einer einzigen Beziehung alles erwarten

Eine einzige Beziehung soll unser bester Freund sein, unser Liebhaber, unsere Familie, unsere emotionale Heimat und gleichzeitig unser lebenslanges erotisches Abenteuer. Wir wünschen uns eine Liebe, die niemals aufhört, eine Sexualität, die niemals nachlässt, und ein Begehren, das möglichst immun ist gegen Alltag, Zeit und Veränderung.

Suchen Paare eine Beratung auf, wird die Sexualität häufig kurzfristig zum Problem erklärt. „Wir haben nur noch selten Sex.“ „Mein Partner hat keine Lust mehr.“ „Früher war alles anders.“ „Wir leben nur noch wie Bruder und Schwester.“ Hinter solchen Sätzen steht oft eine unausgesprochene Überzeugung: die Vorstellung, dass etwas verloren gegangen ist, das eigentlich niemals hätte verloren gehen dürfen.

Aber stimmt das überhaupt? Zum Wesen einer langen Liebesbeziehung gehört es vielleicht gerade, dass sie sich verändert. Und womöglich ist genau das ihre größte Stärke.

Liebe verändert sich – warum sollte die Sexualität eine Ausnahme sein?

Liebe verändert sich. Menschen verändern sich. Bedürfnisse verändern sich. Weshalb sollte ausgerechnet die Sexualität von all dem ausgenommen sein?

Wir vergessen häufig, dass sich zwei Menschen am Beginn einer Liebe vollkommen anders begegnen als nach zehn, zwanzig oder dreißig gemeinsamen Jahren. Aus Liebenden werden oft beste Freunde, Eltern, Vertraute, Wegbegleiter und emotionale Heimat füreinander. Irgendwann teilen sie nicht nur ein Bett, sondern ein ganzes Leben. Sie tragen Verantwortung füreinander, gründen Familien, meistern Krisen und begleiten sich durch die verschiedenen Phasen ihres Daseins. Glück und Verlust, Krankheit und Gesundheit, Nähe und Distanz – all das erleben sie gemeinsam.

Ist es da wirklich erstaunlich, wenn auch ihre Sexualität nicht dieselbe bleibt?

Möglicherweise bezahlen Dauerbeziehungen ihre Stabilität mit einem Teil ihrer erotischen Spannung. Begehren besitzt nämlich Eigenschaften, die wir oft nur ungern wahrnehmen: Es ist schwankend, unberechenbar und vergänglich, und es lebt nicht selten von Spannung, Neuheit und einem gewissen Maß an Unsicherheit.

Eine Familie benötigt vollkommen andere Voraussetzungen. Verlässlichkeit, Vertrauen und Sicherheit gehören dazu, ebenso emotionale Verbundenheit und gegenseitige Fürsorge. Dauerbeziehungen entwickeln deshalb Qualitäten, die für ein gemeinsames Leben ausgesprochen hilfreich sind – die aber nicht zwangsläufig die beste Voraussetzung für lebenslange erotische Hochspannung darstellen. Das ist keine Fehlentwicklung der Liebe, sondern eher ein Ausdruck ihres Wesens.

Was sich nicht versprechen lässt: Begehren ist kein Willensakt

Wir leben in einer Zeit, die den Menschen einen nahezu grenzenlosen Machbarkeitsglauben verspricht. Fast alles scheint gestaltbar geworden zu sein. Beziehungen müssen nur ausreichend gepflegt werden. Kommunikation kann verbessert werden, Leidenschaft neu entfachen, Sexualität kreativ gestaltet. Der Gedanke dahinter bleibt immer derselbe: Wenn wir nur genug wollen und alles richtig machen, dann müsste eigentlich alles möglich sein.

Diesem Gedanken kann ich mich nur sehr eingeschränkt anschließen.

Selbstverständlich können Menschen sich um ihre Beziehung bemühen. Sie können lernen, liebevoller miteinander umzugehen und besser miteinander zu sprechen. Auch ihrer Sexualität können sie wieder mehr Raum geben. Über ihre Liebe und ihr Begehren aber verfügen sie nicht vollständig – nicht einmal gemeinsam.

Beziehungen führen ein Eigenleben. In jedem Augenblick entstehen sie neu, durch Kommunikation, durch Begegnungen und durch die Reaktionen zweier Menschen aufeinander. Wer weiß heute schon, welche Bedürfnisse er in fünf Jahren haben wird? Niemand kann sicher vorhersagen, wie er in zehn Jahren auf bestimmte Entwicklungen reagiert oder wie sich die gemeinsame Sexualität nach Jahrzehnten entwickelt. Planbar ist Liebe nur begrenzt – Sexualität noch weniger.

Vielleicht liegt hierin die unbequemste Wahrheit überhaupt. Menschen können einander versprechen, respektvoll und liebevoll miteinander umzugehen, sich umeinander zu bemühen, ehrlich und wertschätzend zu bleiben. Was sich seriös aber niemals versprechen lässt, ist lebenslanges sexuelles Begehren. Denn Begehren ist kein Produkt unseres Willens.

Wir können uns nicht dazu entschließen, morgen früh um acht Uhr wieder dieselbe Leidenschaft zu empfinden wie am Anfang. Auf Knopfdruck herstellen lässt sie sich ebenso wenig wie konservieren – so wenig wie der erste gemeinsame Kuss. Darin steckt allerdings nicht nur etwas Schmerzhaftes, sondern auch etwas zutiefst Befreiendes. Wenn wir über unser Begehren nicht vollständig verfügen, dann müssen sexuelle Veränderungen auch kein Ausdruck mangelnder Liebe oder persönlichen Versagens sein.

Kein Sexproblem, sondern ein Erwartungsproblem

Viele Paare haben deshalb womöglich überhaupt kein sexuelles Problem. Sie haben eher ein Erwartungsproblem.

Die wichtigste Frage lautet nämlich nicht: „Wie häufig haben wir noch Sex?“ Entscheidend ist vielmehr: „Leiden wir beide unter unserer gegenwärtigen Situation?“ Ein Paar kann ausgesprochen glücklich miteinander sein und sich nur wenige Male im Monat sexuell begegnen. Ein anderes kann ein intensives Sexualleben führen und dabei zutiefst unglücklich sein. Über die Qualität einer Liebesbeziehung sagt die Häufigkeit sexueller Begegnungen erstaunlich wenig aus.

Noch provokativer formuliert: Nicht jede glückliche Liebesbeziehung muss eine leidenschaftliche sein. Liebe besitzt viele Gesichter. Sie kann leidenschaftlich sein, fürsorglich, freundschaftlich, verspielt oder zutiefst verbunden. Wie die Menschen, die sie leben, verändert sie sich.

Die Kunst einer langen Liebesbeziehung besteht deshalb vielleicht gar nicht darin, lebenslange Leidenschaft sicherzustellen. Eher liegt sie darin, immer wieder neugierig zu entdecken, welche Form von Liebe, Intimität und Sexualität zwischen zwei Menschen heute möglich ist.

Welche Steine legen wir unserer Sexualität selbst in den Weg?

Damit verändert sich auch die Frage grundlegend. Es geht dann nicht mehr darum, die verlorene Leidenschaft der ersten Monate wiederherzustellen. Vielmehr stellt sich die Frage, ob wir dem erotischen Potenzial unserer Beziehung möglicherweise selbst Hindernisse in den Weg gelegt haben.

Partner können ihre Sexualität nämlich nur sehr begrenzt bewusst gestalten. Erstaunlich viele Möglichkeiten besitzen sie hingegen, sie zu erschweren. Vorwürfe, Kränkungen, mangelnde Freiheit, emotionale Distanz, unausgesprochene Bedürfnisse und gegenseitiger Druck hinterlassen oft tiefere Spuren, als wir vermuten.

Seltener sollten wir deshalb fragen: „Wie bekommen wir wieder mehr Lust?“ Häufiger wäre die Frage angebracht: „Welche Steine haben wir unserer Sexualität im Laufe der Jahre selbst in den Weg gelegt?"

Wenn Unlust klüger ist, als wir glauben

Zum Schluss noch eine letzte Provokation. Sexuelle Unlust ist womöglich wesentlich intelligenter, als wir glauben.

Der Satz „Mein Partner hat keine Lust mehr auf Sex“ erscheint zunächst eindeutig. Tatsächlich wirft er zahlreiche weitere Fragen auf. Lustlos worauf? Auf Sexualität überhaupt oder nur auf eine bestimmte Form von ihr? Vielleicht auf Sexualität unter Druck, nach jahrelangen Verletzungen, ohne emotionale Nähe?

Womöglich verschwindet die Lust gar nicht. Möglicherweise verschwinden lediglich ihre Voraussetzungen. Unlust wäre dann weniger ein Defekt der Sexualität als ein Hinweis darauf, dass etwas nicht mehr stimmig erscheint.

Die größte Freiheit einer langen Liebesbeziehung besteht vielleicht darin, aufhören zu dürfen, bestimmte Entwicklungen erzwingen zu wollen. Weder Liebe noch Begehren können befohlen werden. Besitzen, garantieren oder konservieren können wir sie nicht. Lernen können wir hingegen, ihnen mit mehr Gelassenheit, größerer Offenheit und weniger Machbarkeitsanspruch zu begegnen.

Die größte Enttäuschung moderner Liebesbeziehungen ist womöglich die Vorstellung, alles müsse für immer so bleiben wie am Anfang. Ihre größte Freiheit hingegen liegt in der Erkenntnis, dass Liebe und Sexualität sich verändern dürfen. Das Begehren unseres Partners können wir nicht besitzen, nicht herstellen und nicht garantieren – wir können lediglich versuchen, ihm möglichst wenige Hindernisse in den Weg zu legen. Vielleicht ist das weniger, als wir uns wünschen. Und doch ist es sehr viel mehr, als wir bislang verstanden haben.

Häufige Fragen zu Begehren und Leidenschaft

Ist nachlassendes sexuelles Begehren ein Zeichen dafür, dass die Liebe endet?

Nicht notwendigerweise. Begehren ist schwankend und verändert sich über die Jahre, ähnlich wie die Menschen und ihre Bedürfnisse. Über die Qualität einer Beziehung sagt die Häufigkeit sexueller Begegnungen erstaunlich wenig aus. Entscheidender als die Frage „Wie oft?“ ist die Frage, ob beide unter der gegenwärtigen Situation leiden.

Wir haben deutlich seltener Sex als früher – ist das ein Problem?

Das hängt weniger von der Zahl ab als vom Erleben beider Partner. Ein Paar kann glücklich sein und sich selten begegnen; ein anderes lebt eine intensive Sexualität und ist dennoch unglücklich. Zum Anliegen wird es dort, wo einer oder beide leiden oder das Thema Distanz schafft. Genau dann lohnt sich das Gespräch.

Lässt sich Leidenschaft in einer langen Beziehung gezielt zurückholen?

Begehren ist kein Willensakt und lässt sich nicht auf Knopfdruck herstellen. Bewusst gestalten können Paare ihre Sexualität nur begrenzt – erschweren hingegen auf vielfältige Weise. Vorwürfe, Druck, emotionale Distanz oder unausgesprochene Bedürfnisse legen sich oft wie Steine in den Weg. Häufig entsteht Bewegung weniger durch „mehr Anstrengung“ als durch das Wegräumen dieser Hindernisse.

Was kann eine Paarberatung bei sexueller Unlust bewirken?

Wir analysieren nicht, bewerten nicht und stellen keine Diagnosen. Gemeinsam mit Ihnen erkunden wir, welche Voraussetzungen Ihrer Sexualität abhandengekommen sind und welche Handlungsmöglichkeiten sich daraus ergeben. Im Mittelpunkt steht das, was aktuell belastet und was entstehen soll – nicht die Suche nach Schuld. Mehr dazu finden Sie im Bereich Intimität und Sexualität.

Ab wann lohnt sich Unterstützung von außen?

Eine feste Schwelle gibt es nicht. Sinnvoll ist Begleitung immer dann, wenn das Thema Sexualität zu Druck, Verletzung oder Sprachlosigkeit führt und Sie allein nicht weiterkommen. Sie können sich einzeln oder als Paar an uns wenden, auch kurzfristig. Nehmen Sie dazu unverbindlich Kontakt aufnehmen.

Jetzt Unterstützung holen

Wenn Sie das Thema Begehren und Leidenschaft in Ihrer Beziehung neu betrachten möchten, begleiten wir Sie dabei – ohne Bewertung, ohne Schuldfrage, mit Blick auf das, was heute zwischen Ihnen möglich ist.

Wir, Bernd und Doris Nickel, sind beide zertifizierte systemische Paartherapeuten der Heidelberger Schule (SI-HD, PD Dr. med. Arnold Retzer) und VFP-Mitglieder. Bernd Nickel ist zusätzlich Zertifikatsinhaber der systemischen Sexualtherapie (Prof. Clement, IGST-HD) und DGSF-Mitglied. Über 8.000 gemeinsame Beratungen in zwei Jahrzehnten sind die Grundlage unserer Arbeit. Unsere Tätigkeit ist Beratung und Begleitung – keine Heilkunde und keine Wohlfahrtspflege.

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